Sprach- oder Schreibtipp der Woche (6. Woche 2000,
7.–13. Februar)

Aufs angenehmste getrennt





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Kuno lässt seinen Brief an die Unternehmensleitung durch Eusebius, den Sprachästheten, auf die neue Rechtschreibung prüfen. Als er den korrigierten Entwurf zurückerhält, schwillt seine Zornesader: „Ich weiß, dass man st jetzt trennen darf. Aber natürlich nur, wo es sinnvoll ist. Bei Fahr-stuhl wird st nicht getrennt. Richtig?” – „Richtig”, sagt Eusebius, „auch nach Vorsilben nicht: Ab-stand.”

Darauf Kuno: „Und das Wort angenehmste besteht aus angenehm und der Endung -ste. Richtig?” – „Richtig”, bestätigt Eusebius. Jetzt ist Kuno gleich am Ziel: „Und so wurde es bisher auch getrennt und sicher auch künftig.” Doch hier widerspricht der Sprachästhet: „Bisher ja, in der neuen Schreibung nein.”

„Das ist doch aber völlig unlogisch”, bricht es aus Kuno hervor, „trennt man nicht schweig-sam, heil-bar?” „Ja, diese Endungen trennt man so ab, denn hier kommt immer ein Mitlaut auf die neue Zeile, das s bei schweig-sam, das b bei heil-bar. Und weil st jetzt trennbar ist, kommt auch bei angenehms-te nur der eine Mitlaut t auf die neue Zeile.”

Kuno fühlt sich immer noch obenauf: „Und was soll das bedeuten: angenehms?” Eusebius fragt zurück: „Bedeuten? Nichts. Nachsilben und Endungen wurden nämlich auch bisher schon ‚unlogisch’ behandelt, einfach nach der Regel: Ein Mitlaut auf die neue Zeile.” – „Zum Beispiel?”, fordert Kuno. Eusebius zieht die Trumpfkarte: „Kind + Endung -er = Kin-der, also von Kind springt der Mitlaut d zur Endung -er. Wir hängen noch die Nachsilbe -ei dran: Kin-de-rei; sofort springt das r zum -ei hinüber. Die drei Teile bedeuten für sich allein nichts.” – „Na ja”, schwenkt Kuno ein, „oft kann man sich auch an das Angenehms-te nur schwer gewöhnen.” Eusebius weiß ein Rezept: „Gewöhnung durch Übung. Schreiben Sie einfach zwanzigmal:
Der angenehms-te Pos-ten
verlangt extrems-te Kos-ten.”

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