Sprach- oder Schreibtipp der Woche (8. Woche 2000,
21.–27. Februar)

Exkanzler löffelweise





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Mit Eusebius, dem Sprachästheten, fahre ich im Bus durch Berlin. Eubi grast mit dem Auge Litfaßsäulen- und Leuchtreklamentexte nach Attraktionen ab. An Kiosken kann er im Vorbeifahren die Überschriften der Zeitungen mit den Riesenbuchstaben lesen.

Auf diese Blätter ist er nicht gut zu sprechen, denn er sagt: „Du siehst schon aus der Ferne an den vielen Bindestrichen, dass sie ihre Leser für dumm halten. Kaum hat ein Wort neun Buchstaben, müssen sie es zerhacken und teelöffelweise verfüttern: Ex-Kanzler, Super-Star, Top-Models. Unzerkleinert würden solch wichtige Personen eben in unsere Spatzenhirne gar nicht hineinpassen.”

Wenn Eusebius das so streng sieht, muss ich künftig beim Schreiben aufpassen. Ich frage: „Du würdest also Exkanzler und Exvorsitzender immer zusammenschreiben?” „Freilich”, sagt Eusebius, „ex- ist eine Vorsilbe (genauer: ein Halbpräfix) so wie ein-, auf- oder aus-: Einstieg, Aufstieg, Ausstieg. Oder nimm Wörter wie Mitschuldiger, Nichtfachmann, Intoleranz, Antikorruptionskampagne – alles ohne Bindestrich.”

Dann sagt er plötzlich: „Erinnerst du dich noch, wie du mir damals deine Frau vorstelltest? Ich war ganz verwirrt, als du sagtest: ‚Darf ich dich mit meiner Exverlobten bekanntmachen?‘ ” Darauf ich, ein bisschen stolz: „Du hättest damals nicht gedacht, dass sie nach 15 Jahren immer noch nicht meine Exfrau ist. Du bist freilich nie in Gefahr, eine Exgattin zu haben, weil du es zwar zu einer Exgeliebten nach der anderen bringst, aber nie zu einer Gattin.” – Warum, muss ich ein andermal erzählen. Der Bus ist nämlich an der Endstation.

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