Sprach- oder Schreibtipp der Woche (9. Woche 2000,
28. Februar bis 5. März)

Erste (gemeine) Ver(un)sicherung





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Kunos Berliner Einzimmerwohnung ist seine erste eigene Bude. Vorher hat er brav bei seinen Eltern in Stuttgart gewohnt. Eusebius und ich waren gestern bei ihm eingeladen.

Kuno entschuldigt sich für die noch spärliche Einrichtung. „Da sparst du dir die Hausratversicherung”, tröste ich ihn. „Stimmt”, sagt Kuno, „ich hab wirklich keine.” Und Eusebius: „Hätten wir von einem schwäbischen Junggesellen auch nicht erwartet.”

Während Kuno den Weinbrand eingießt, sage ich: „Für einen Anfänger wie dich genügt die Haftpflichtversicherung, damit du nach Herzenslust Schaden anrichten kannst.” Entgeistert sehen wir Kuno an, als der antwortet: „Haftpflicht? Hab ich auch nicht. Es war mal ein Vertreter da, aber den hab ich abgewimmelt. Ein Jahresbeitrag von über 200 Mark war mir zu teuer.” – „Das ist natürlich wirklich zu viel”, urteilt Eusebius, „wenn auch der Beitrag nicht zu teuer, sondern zu hoch ist.” – „Was soll das nun heißen?”, wehrt sich Kuno, der, auf zwei Etagen angegriffen, schnell ungenießbar werden kann. – Aber Eusebius, der Sprachästhet, belehrt gnadenlos an der Wortkundefront: „Dienstleistungen und Waren sind teuer oder billig, preiswert. Aber alles, was aus Geld ist – also der Preis, die Gebühr, die Steuer, der Beitrag, die Summe, der Lohn, das Gehalt – ist hoch oder niedrig, wird erhöht oder gesenkt.”

Ich will die Stimmung entspannen: „Eusebius meint, die Versicherung, die dir angeboten wurde, ist teuer, denn ihre Beiträge sind hoch.” „Sag ich doch”, sagt Kuno. „Na ja”, wende ich vorsichtig ein, „du sagtest, die Beiträge seien teuer, aber die Beiträge sind hoch. Was teuer ist, ist die Versicherung.” – „Wortklauber”, resümiert Kuno einlenkend.

Eusebius, selber unverheiratet, empfiehlt einen Singletarif: „Bei meiner Versicherung kriegst du deine Haftpflicht für unter hundert Mark im Jahr.” Das gefällt Kuno: „Ja, also der Beitrag ist wirklich ...”, und nach einem Moment des Überlegens: „niedrig; also die Versicherung ist preiswert.” Und Eusebius: „Morgen lässt du dir den Vertrag schicken. Ich setz dir die E-Mail auf.”

Der Weinbrand steht immer noch da. „Prost!”, sagt Kuno. Und ich:„Auf deine erste Versicherung, du Geizhals!” Drauf Kuno, in großer Form: „Die es bei euch Wortklaubern nur im Doppelpack mit einer gemeinen Verunsicherung gibt.”

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