Sprach- oder Schreibtipp der Woche (11. Woche 2000,
13.–19. März)

Kleinaktionäre unter sich





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Ich habe Kuno mit seiner Aktienfrage zu Eusebius geschickt. Der hat als allein stehender Besserverdienender schon lange mehr für die Börse übrig als ich.

„Ach, herrje”, sagt Eusebius, als ihm Kuno das Faltblatt mit der Aufschrift Infineon Aktien vorlegt. Der Sprachästhet zückt den Stift und macht einen dicken Bindestrich zwischen Infineon und Aktien. „Würden sie so arbeiten, wie sie schreiben, funktionierte kein einziger ihrer Chips”, kommentiert Eusebius.

Wenn er weiß, dass diese Firma Chips herstellt, dann weiß er erst recht, ob ich die Aktie zeichnen soll, denkt Kuno. Aber er sagt: „Ich würde es sogar zusammenschreiben.” Prompt kommt Eusebius’ Rat: „Firmen- und Produktnamen sollte man durch Bindestrich mit dem Grundwort verbinden: der Grundig-Fernseher, die Nivea-Creme oder Infineon war ein Siemens-Unternehmen. Hast du 3000 Mark übrig?” – „Wieso denn das jetzt?”, fragt Kuno. – „Da du ja sicher Infineon-Aktien zeichnen willst, brauchst du die Mindestsumme von 1500 Euro”, erklärt Eusebius, „mit Ärmeren gibt sich Infineon nicht ab.” – „Ach so, ja, hab ich”, sagt Kuno; „glaubst du, dass ich damit Gewinne machen kann?” – „Falls du wirklich Aktien zugeteilt bekommst, kannst du dich freuen”; strahlt Eusebius. „Meine Telekom-Aktien jedenfalls waren dieser Tage siebenmal so viel wert wie bei der Zuteilung vor vier Jahren.”

„Hast du nicht Angst, dass sie mal so aus dem Dax verschwinden könnten wie neulich Mannesmann?”, beweist Kuno erste Fachkunde. – „Doch, manchmal denk ich, die Telekom legt es geradezu darauf an”, sagt Eusebius. – „Wieso denn nun das?”, will Kuno wissen. – Eusebius erläutert seine Theorie: „Die Telekom schreibt nicht mehr auf gut Deutsch von Telekom-Kunden und von T-Online-Tarifen, sondern sie wirft die Wörter auf die englische Art einzeln hin: Telekom Kunden und T-Online Tarife, so als übte sie schon für die Zeit unter einem fremden Herrn.” – „Du meinst, eines Tages fragt der fremde Wolf: Warum machst du so appetitliche Portionen? Und Großmutter Telekom antwortet: Damit du mich besser fressen kannst!” – „Genau”, sagt Eusebius, „aber dann kommt kein Rotkäppchen-Förster, der sie wieder rausholt. Schau mal hier in deinem Infineon-Faltblatt, wie sie Hochleistungs Speicherchips schreiben. Ohne Bindestrich! Auch keine guten Aussichten.”

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