Sprach- oder Schreibtipp der Woche (12. Woche 2000,
20.–26. März)

Sieben Tage Lenz





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Als ich Eusebius am Telefon „eine gute Woche” wünsche, sagt er noch: „Heute fängt übrigens der Frühling an. Hast du schon gemerkt, dass er nur eine Woche dauert?”

„Du willst mich scheinbar wieder mal veräppeln”, vermute ich. – „Was du meinst, ist ‚anscheinend’”, sagt er, „aber ich will dich wirklich nur scheinbar veräppeln. Nur eine Woche Frühling, weil am Sonntag die Sommerzeit beginnt!” – „Oooh”, stöhne ich, teils mitleidig wegen des krummen Witzes, teils sauer wegen der Aussichten: „Scheinbar hat der Staat nichts Besseres zu tun, als mich wieder jeden Tag eine Stunde früher zur Arbeit zu jagen!” – „Wenn es nur scheinbar so wäre, brauchtest du dich nicht aufzuregen”, meint Eusebius, „dann wäre es nur dem äußeren Schein nach, aber nicht wirklich so. Du meinst: Anscheinend hat er nichts Besseres zu tun – also du vermutest, dass es wirklich so ist, wie es erscheint.” – „Ja, so ist es auch wirklich”, bestätige ich dem Sprachästheten, „Frühling, Sommer, Herbst und Winter sind den Behörden nicht gut genug. Sie müssen unbedingt zweimal im Jahr die Meridiane aus der Verankerung reißen und umpflanzen!” – „Jetzt mach dir erst mal sieben Tage einen schönen Lenz”, beruhigt mich Eusebius, „und dann hast du ja sieben Monate Sommer!” – „Sieben?”, frage ich erstaunt. „Nicht sechs?” – „Ja, sieben, die Sommerzeit geht bis Ende Oktober”, belehrt mich der Ästhet.

Das bringt mich noch mehr auf: „Nicht mal richtig halbieren können sie. Warum wird nicht gleich das ganze Jahr zur Sommerzeit erklärt?” Eusebius aber ist die Ruhe selbst: „Lass mal, dann müssten wir ja auch noch auf die letzten sieben Tage Lenz verzichten.”

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