Sprach- oder Schreibtipp der Woche (14. Woche 2000,
3. bis 9. April)

Lexikon per Ehrenwort





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Kuno braucht dringend ein Lexikon. Genauer gesagt, Eusebius und ich haben ihn überzeugt, dass er eins braucht. Erstens hat Kuno genug Fragen. Zweitens sieht man in seiner Wohnung noch zu viel Wand. „Meine Eltern haben ein zehnbändiges Lexikon mit 200 000 Stichworten”, berichtet Kuno. Er möchte nicht, dass wir denken, er hätte sich schon immer ohne Lexikon durchs Leben schlagen müssen. „Mit 200 000 Stichwörtern”, berichtigt ihn Eusebius, der Sprachästhet. „Das Lexikon hat Stichwörter, aber der Schauspieler muss sich Stichworte merken.”

„Aber Stichworte sind doch auch nur Wörter”, wendet Kuno ein. – „Also”, sagt der Sprachästhet, „Wörter sind Einzelwörter, z. B. Diese Geschichte besteht aus 348 Wörtern. Aber Worte sind Aussprüche, Darlegungen, etwa: Der Pfarrer sprach tröstende Worte.” – „Oder”, mische ich mich ein, „Kunos Begrüßungsworte waren mit Schimpfwörtern gespickt.” – „Womit?”, protestiert Kuno. „‚Siehe, es kommt  e i n  Unglück über das andere’ sind Bibelworte.” – „Lass mal”, sag ich, „es genügt schon, wenn du bei Mandy deine Passwörter und in unserer Kneipe deine Zahlwörter nicht vergisst.”

„Ich weiß gar nicht, ob ich mir ein Lexikon überhaupt leisten kann”, sagt Kuno schließlich. – „Du kannst”, sagt Eusebius, „Ehrenwort!” – „Ehrenwort, du kannst”, wiederhole ich, denn wir wissen schon, in welches Antiquariat wir Kuno schleppen wollen. Auf dem Weg dorthin erörtern wir noch, ob es „die Ehrenworte” oder „die Ehrenwörter” heißt. „Wenn er beiden Spendern auf ihre Geheimhaltungsbitte nur mit ‚Garantiert!‘ geantwortet hat, dann wären es Einzelwörter, also hieße es: Ehrenwörter”, gibt Kuno zu bedenken. Aber unser Sprachästhet entscheidet: „Nein, es heißt Ehrenworte, denn er hat Aussprüche getan; etwa so (und der Ästhet ahmt seine Stimme nach): Da können Sie sich wie immer ganz auf mich verlassen, Herr Kirch.” – Im Antiquariat dann am Lexikonregal ruft Kuno: „Das ist das Lexikon, das meine Eltern haben.” Wir räumen die zehn Bände heraus und stapeln sie an der Kasse auf die Waage. „Sieben Kilo”, sagt der Verkäufer, „macht 42 Mark.” Die Eltern Kunos hatten damals eine vierstellige Summe bezahlt. Kuno ist ganz platt und happy: „Mir fehlen die Worte!”

„Wieso?”, fragt Eusebius, „du hast dir doch soeben 200 000 gekauft.” – „Ja, Wörter”, sagt der gelehrige Kuno. „Was mir grad fehlt, sind aber Worte.”

© www.korrektor030.de


Zurück zur Homepage