Sprach- oder Schreibtipp der Woche (16. Woche 2000,
17. bis 23. April)

(Achtung: Die ganze Geschichte gilt nicht mehr. Seit 1. 8. 2006 werden die Verben, in denen einander den Hauptton trägt, wieder zusammengeschrieben.)

Domino, aneinander gereiht





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Kaum haben wir uns zum Spiel zusammengesetzt, gibt Eusebius eine überraschende Erklärung ab. Wenn wir die Dominosteine hinlegen, sollten wir zwischen ihnen einen kleinen Abstand einhalten. „Soll das die Ausbreitung einer Seuche verhindern?”, fragt Kuno. – „Nein”, enthüllt Eusebius, „früher musste man die Steine aneinanderlegen, seit der Rechtschreibreform aber aneinander legen – also mit einem Abstand dazwischen. Denn Zusammensetzungen mit -einander stehen jetzt getrennt vom folgenden Verb.” – „Dominosteine also auseinander aneinander legen”, fasst Kuno zusammen, als er den ersten Stein legt.

„Ich hörte, du und Mandy, ihr wollt bald zueinander ziehen?”, wendet sich der Sprachkünstler an Kuno. Als ich meinen Stein lege, setze ich noch einen einander-Satz obendrauf: „Wisst ihr überhaupt, ob ihr zueinander passt?” – „Wir schon, vielleicht passt du nicht in die Runde. Solange wir hier zu dritt beieinander sitzen, kann ich mir leider meine Nachbarn nicht aussuchen”, knallt Kuno seinen Stein auf den Tisch. – „Wir wollen niemals auseinander gehn”, stimmt Eusebius mit dem nächsten Stein tröstend das alte Lied an. – „Wie wollen immer zueinander stehn”, lege ich singend meinen Pasch auf. – „Ich glaub, wir werden bald aneinander geraten!”, vermutet Kuno, während sich schon eine Steinschlange bildet. – „Kaufst du dir neue Möbel”, will Eusebius von Kuno wissen, „oder willst du nur Kartons übereinander schichten?” – „Aufeinander gestapelte Kartons können sehr schön aussehen”, versuche ich dem Gespräch etwas Fahrt zu geben. – „Wenn etwas durcheinander gerät, fängt es immer im Kopf an”, schlägt Kuno mit Steinknall zurück. – „Du und Mandy, ihr werdet schon miteinander auskommen”, versucht Eusebius wieder einzulenken. – „Und wenn nicht, dann eben übereinander herfallen”, drehe ich wieder ein bisschen auf. – „Ehe du sprichst, prüfe erst, ob du alle beieinander hast”, rät Kuno und wirft seinen Stein auf den Tisch. – „Deine Frau macht mir manchmal den Eindruck”, wendet sich jetzt Eusebius an mich, „als ob bei euch auch nicht mehr alles ineinander greift.” – „Na ja”, gebe ich zu bedenken, „wir können uns schließlich nicht Tag und Nacht aneinander kuscheln.” – Ratlos sagt Kuno plötzlich: „Also, ich kann nicht!” Wir erschrecken ein wenig, dann sagt Eusebius: „Kuno, nun red schon, wo wir gerad so beieinander sitzen!” – Auch ich ermuntere ihn: „Wir müssen doch in solchen Dingen keine Geheimnisse voreinander haben.” Bald aber ist klar: Kuno hat einfach keinen passenden Stein. Er sagt: „Da werd ich mal eine Runde die Beine übereinander schlagen.” – „Nicht nötig”, ruft Eusebius, „gewonnen!” Er legt seinen letzten Stein und sagt fröhlich: „Könnt ihr bitte in der zweiten Runde euern Streittext noch mal genauso hintereinander aufsagen? Ich will ihn aufnehmen und in meinem Volkshochschulkurs als Diktattext verwenden.”

Eusebius gewinnt eben nicht nur beim Domino. Intellektuelle wie er verwandeln auch die freundschaftlichsten Gespräche noch in schnöden Mammon.

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