Sprach- oder Schreibtipp der Woche (18. Woche 2000,
1. bis 7. Mai)


Drunter und drüber

(Wie in der 17. Woche gilt auch hier: Diese Geschichte und ihre Getrenntschreibung waren nur wenige Jahre richtig. Seit 1. 8. 2006 muss man nicht nur drunterheben und drüberstreichen, sondern auch darunterheben und darüberstreichen.)





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Sprachästhet Eusebius (Altberliner und gerade mal unbeweibt) sowie der Neuberliner Kuno und seine Mandy rüsten am Ostermontagmorgen zu einer Fahrt an den Liepnitzsee. Als Mandy das Päckchen mit dem Kuchen, den sie tags zuvor gebacken hat, ins Auto legt, schlägt dem Ästheten das Sprachgewissen.

„Ich hatte dir ja gestern gesagt”, wendet er sich vom Steuer aus an Mandy, „du solltest den Eischnee darunter heben (getrennt geschrieben) und den Schokaladenguss darüber streichen (getrennt geschrieben).” – „Sag jetzt nur nicht, sie hätte die Schokolade darunter heben und den Eischnee darüber streichen sollen”, fürchtet Kuno, während Mandy anmerkt: „Das klingt, als hätte ich das Rezept von dir, Eusebius. Als du kamst, war der Eischnee schon längst im Teig. Du hast uns nur noch gesagt, dass sich darunter heben und darüber streichen jetzt getrennt schreiben. Das stimmt doch hoffentlich noch?” – „Freilich”, sagt Eusebius, „aber es ist so: Wenn du statt darunter oder darüber verkürzt drunter oder drüber sagst, werden die Verben zusammengeschrieben.” – „Ich habe den Eischnee also druntergehoben (zusammengeschrieben) und den Schokoladenguss drübergestrichen (zusammengeschrieben)”, vergewissert sich Mandy. – „Richtig”, bestätigt Eusebius. – „Also Mandy, gestern hast du gesagt, du hättest den Guss darüber gestrichen, heute willst du ihn drübergestrichen haben”, meckert Kuno. – „Es handelt sich um unterschiedliche Arten der sprachlichen Widerspiegelung ein und desselben Vorgangs”, versucht Eusebius eine erkenntnistheoretische Verteidigung Mandys. – „Genau was ich sage”, entgegnet Kuno, „gestern hat sie den Vorgang so, heute so widergespiegelt.”

Am trüber werdenden Nachmittag wollen sie zum jenseitigen Ufer des Sees rudern und dort den Kuchen verzehren. „Nimm den Schirm mit!”, sagt Kuno zu Mandy. – „Werden wir im Notfall alle drei darunter passen?”, fragt Eusebius leicht besorgt. – „Falls nur zwei statt drei darunter passen”, sagt Kuno, „bleibt dir ja noch die platzsparende Art der sprachlichen Widerspiegelung: Dann wirst du drunterpassen.”

Beim Picknick entfällt aber dann doch die Notwendigkeit einer Dreipersonenschirmbenutzung und dadurch auch die eine wie die andere Art ihrer sprachlichen Widerspiegelung. Oder so: Der Regenguss bleibt aus, der Schokoladenguss bleibt drüber.

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