Sprach- oder Schreibtipp der Woche (20. Woche 2000,
15. bis 21. Mai)

Abstand, ganz nah





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

„Es wird höchste Zeit mit meinen Haaren“, sagt Eusebius entschuldigend, als er sich im Friseurstuhl niederlässt. – „Es geht noch“, meint Brit, die schöne Friseurin. „Kommen Sie immer im vierwöchentlichen Abstand?“ – „Diesmal ist es leider ein fünfwöchiger Abstand geworden“, sagt Eusebius. – Brit hört, dass er „-wöchiger“ etwas gedehnt ausspricht. „Hab ich etwas falsch gemacht mit ‚-wöchentlich‘ und ‚-wöchig‘?“, möchte sie wissen. – Eusebius ist es peinlich, dass das Gespräch so beginnen soll. „Machen Sie sich keine Gedanken“, sagt er, „und lassen Sie mich nur Ihren Anblick genießen.“

„Also gut“, sagt Brit, „ich biete den Anblick und Sie liefern die Zeitangaben mit ‚-lich‘ und ‚-ig‘.“ – „Das ist ein Angebot“, freut sich Eusebius. „Also: Mit -ig wird die Dauer angegeben: Eine zweistündige Behandlung dauert zwei Stunden. Mit -lich wird die Wiederholung nach einer Frist angegeben: Die zweistündliche Einreibung erfolgt einmal alle zwei Stunden.” – „Aha, vielen Dank”, sagt Brit. – „Das war ein ungleicher Handel”, sagt Eusebius; „meine Antwort genügt Ihnen, aber ich habe von Ihrem Anblick nicht genug oder besser: überhaupt nie genug.” – „Aber nein”, tröstet ihn die Schöne, „Ihre Antwort ist mir noch nicht genug, sie muss ja erst noch durch Übung vertieft werden. Sie kommen also vier- oder fünfwöchentlich in diesen Salon?” – „Ja, ab jetzt wieder vierwöchentlich. Obwohl ein vierwöchiger Besuch bei Ihnen sicher noch viel traumhafter wäre.” – „Sie Schlingel”, tadelt ihn Brit sanft. – Als sie sich zu seinem Nacken beugt, erhascht Eusebius einen Blick in ihren Ausschnitt. „Und was man sich in den vier Wochen alles ansehen könnte!”, schwärmt er. „Aber sicher hätte Ihr Mann etwas dagegen. Sind Sie eigentlich verheiratet?” – „Nicht ganz”, sagt Brit, „aber so gut wie”, und während sie Eusebius sich seinen Hinterkopf im Spiegel betrachten lässt, lenkt sie das Gespräch wieder in ruhigeres Fahrwasser: „Ihr vierwöchentlicher Besuch ist also ein Besuch im vierwöchigen Abstand.” – „Perfekt”, sagt Eusebius, „wieder ganz perfekt.” Und Brit nimmt es strahlend als Bestätigung ihres Gesamtauftritts.

Als Eusebius schon in der Tür steht, sagt er noch: „Vierwöchentlich ist bestimmt zu selten”, und Brit antwortet: „Wenn Sie mich einmal abhören wollen, kommen Sie einfach vorbei.” Auf der Heimfahrt dann malt sich Eusebius diesen Satz in immer bunter werdenden Farben aus.

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