Sprach- oder Schreibtipp der Woche (25. Woche 2000,
19. bis 25. Juni)

Erst jetzt kann jeder richtig hassen





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  




  
  
  

„Warum die neue Rechtschreibung schwerer ist als die alte?”, versucht Kuno den Sprachästheten zu provozieren. „Die alte beherrscht man schon, die neue muss man erst lernen.” – „Die alte beherrschst du nicht”, entgegnet Eusebius. „Deshalb musst du die neue lernen.” – „Was zum Beispiel beherrsche ich nicht?”, ereifert sich Kuno.

„Hier nimm den Stift und schreibe in   a l t e r  Rechtschreibung folgenden 5-Wörter-Satz ...” – „Keine schwierigen Fremdwörter!”, bedingt sich Kuno aus. – „Nein, fünf kurze Alltagswörter”, versichert der Sprachästhet. Er diktiert und Kuno schreibt das Diktierte so: „Laß das, ich haß das!” – „Anderthalb Fehler”, sagt Eusebius. – „Daran kann doch gar nichts falsch sein. In alter Rechtschreibung wohlgemerkt.” – „Doch”, erklärt der Sprachkundler, „man musste schreiben: Laß das, ich hass’ das! Also Doppel-s und Apostroph für das weggelassene e von ich hasse.” – „Und warum willst du dann nicht genauso lass’ das! schreiben für das weggelassene e von lasse das!?” – „Laß! oder lasse das! ist der Imperativ (Befehlsform). Aber ich hasse oder ich hass’ ist die 1. Person Präsens (Gegenwart)”, erklärt Eusebius. „In der Befehlsform waren laß und lasse gleichberechtige Formen, die kurze Form erhielt keinen Apostroph. Genauso also geh weg! und gehe weg! oder paß auf! und passe auf! Mit Apostroph aber musstest du die 1. Person schreiben: Ich geh’ weg. Ich pass’ auf.

„Da hätte ich ja erst eine grammatische Satzanalyse machen müssen, ehe ich die paar Wörter hinschreibe”, stellt Kuno fest. In der Hoffnung, doch noch einen Grund zum Widerspruch zu finden, fragt er: „Und wie ‚supereinfach’ ist das in der neuen Schreibung?” – „Man schreibt so”, sagt Eusebius, und er schreibt: „Lass das, ich hass das!” – „Einfach Doppel-s und keinen Apostroph und so?” – „Richtig”, bestätigt Eusebius, „und auch im Konjunktiv (Möglichkeitsform) steht kein Apostroph mehr: Wenn ich ein Vöglein wär und auch zwei Flügel hätt, flög ich zu dir. Früher hätte man wär’, hätt’ und flög’ schreiben müssen. Gib zu, dass die neue Schreibung einfacher ist!” – So schnell kann Kuno nichts zugeben. Er knurrt nur: „Lass das, ich hass das!” Dann, schon einlenkend, sagt er noch: „Du musst auch nicht gleich zu mir fliegen, wenn du ein Vöglein wirst.”

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