Sprachstory des Monats
April 2000

Eusebius als Hellseher





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Als Eusebius kommt, läuft auf meinem Fernseher gerade live eine Bundestagsdebatte. Bevor ich ausschalte, hat er kaum einen halben Satz gehört, aber schon sagt er: „Bestimmt ein Grüner oder ein PDS-Mann.” – „Bist du jetzt Hellseher?”, frag ich. – „Du hast doch gehört”, antwortet Eusebius, „er hat gesagt: Sozialhilfeempfängerinnen und Sozialhilfeempfänger.” – „Und andere Abgeordnete könnten das nicht sagen?”, wundere ich mich.

„Nein. Sieh mal”, doziert Eusebius, „Sozialhilfeempfänger sind Leute, die Sozialhilfe empfangen. Diese Leute können männlich und weiblich sein, das spielt keine Rolle. Der Redner will nur etwas über Sozialhilfeempfänger sagen. Und er würde das Wort auch ganz einfach so aussprechen, aber er gehört zur Grünen- oder zur PDS-Fraktion. In beiden Fraktionen sind die Mehrheit der Abgeordneten Frauen. Und einige dieser Frauen schimpfen die männlichen Abgeordneten Machos, wenn diese nur ganz natürlich von Arbeitnehmern, von Unternehmern, von Rentnern oder von Sozialhilfeempfängern sprechen – das seien nämlich alles männliche Wörter. Und deshalb dürften sie so ein Wort nur paarweise zusammen mit demselben Wort mit -innen hintendran aussprechen.” – „Irre”, sag ich, „von wem haben sie das nur? Marx kann es nicht sein, sonst hätte er Proletarierinnen und Proletarier aller Länder gesagt. Und was das für Zeit kostet, wo doch die kleineren Parteien ohnehin so wenig Redezeit haben!” – „Eben”, sagt der Sprachästhet, „erstens ist es unnötig, weil jeder unter Sozialhilfeempfängern Männlein und Weiblein versteht. Zweitens verwandelt erst der Redner die Sozialhilfeempfänger in Nur-Männer, nämlich dadurch, dass er vorher die Sozialhilfeempfängerinnen durch Extranennung ausgegliedert hat. Und drittens schließlich hört sich das an, als ob der Redner ständig sein eigenes Wort nachäfft.” – „Ja”, sage ich, „ungefähr so wie: Lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder Ihre Apothekerin oder Ihren Apotheker.”

Das bringt Eusebius dazu, mich wieder mal einen Blick in sein verkorkstes Liebesleben werfen zu lassen. „Du kennst ja noch Agatha”, sagt er. „Bei ihr konnte ich ja nicht von Rechtsanwälten sprechen, ohne dass sie spitz und Rechtsanwältinnen dazusetzte. Wenn ich Grafiker sagte, ergänzte sie und Grafikerinnen”. – „War das die”, frage ich, „die ihren Führerschein in Führerinschein umgekritzelt hat?” – „Nein”, sagt Eusebius, „das war Adolfine.” „Ach so”, sage ich, „aber Agatha war die, die nur deshalb nicht an die Zeitung schreiben wollte, weil ihr Brief dann unter Leserbriefe erschienen wäre, während für sie nur eine Rubrik Leserinnen- und Leserbriefe infrage gekommen wäre.” – „Nein”, sagt Eusebius wieder, „das war Eugenia.” – „Na gut. Und sag mal: Wie wird man solche Plagegeister wieder los?”, frage ich für den Fall, dass mir einmal Ähnliches zustößt. – „Wenn es mir zu viel wurde”, erzählt Eusebius, „habe ich dann einfach – je nachdem, wovon die Rede war – Kugelschreiber und Kugelschreiberinnen, Lautsprecher und Lautsprecherinnen gesagt oder Ventilatoren und Ventilatorinnen, Staubsauger und Staubsaugerinnen. Das strengt zwar an, wirkt aber gründlich. Und wenn das Ganze vorbei ist, dauert es noch Tage, bis man endlich nicht mehr alles gespalten denkt und sieht.”

Zuweilen aber kehrt der Zustand wohl potenziert zurück. Denn als ich frage, was aus Agatha, Adolfine und Eugenia geworden ist, murmelt er: „Weiß nicht. Vielleicht Abgeordnetinnen.”

© www.korrektor030.de

Anmerkung beim Wiederlesen 2006: Inzwischen spricht auch Frau Merkel (CDU) von Stralsunderinnen und Stralsundern. Die Unsitte ist als deutsches Missverständnis des Begriffs „Gender Mainstreaming“ inzwischen zum Gesetz geworden.


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