Sprachstory des Monats
Februar 2000

Wer ist schuld am Sonnabend?





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Mein Arbeitskollege Kuno war übers Wochenende bei den Eltern in Stuttgart. Begeistert erzählt er, dass er am Samstag mit seinem Vater wieder mal im Fußballstadion war. Dann schildere ich ihm, dass auch in Berlin am Sonnabend die Fußballhölle los war. Als bei uns beiden die Luft raus ist, fragt er: „Warum musst du eigentlich immer Sonnabend sagen? Ich sage Samstag.” Darauf ich: „Bei uns heißt das Sonnabend.”

Kuno argumentiert: „Aber Samstag ist kürzer. Und ein Tag muss auf -tag enden und nicht auf
-abend.” Ich: „Trotzdem heißt es bei uns Sonnabend.”

Aber Kuno fällt noch ein: „Im Fahrplan fährt mein Zug nach Stuttgart nur Sa/So, also Samstag/Sonntag, nicht So/So Sonnabend/Sonntag!” Ich nur: „Stimmt schon, aber ich bin es eben so gewöhnt.”

Kuno meint: „Das wird so werden wie mit unseren Hähnchen und euren Broilern. Jetzt sagt ihr auch nicht mehr Broiler. Ihr habt gemerkt, dass man daran den Ossi erkennt.” Stimmt, der Broiler ist wirklich ausgestorben. Wo doch sonst die englischen Wörter in jeder Dreckecke ins Kraut schießen!

Ich war schon dabei, in mich zu gehen, als mir am nächsten Sonnabend am Zeitungsstand etwas auffällt. Die westdeutschen Zeitungen wie FAZ, Süddeutsche, Rheinische Post, Bonner General-Anzeiger haben in der Datumszeile wie erwartet stehen: „Samstag, 22. Januar” oder „Samstag/Sonntag ...”. Aber bei den früheren Westberliner Zeitungen, also z. B. dem Tagesspiegel, der Berliner Morgenpost, der B.Z. und der taz steht in der Datumszeile wie in allen ostdeutschen Zeitungen „Sonnabend, 22. Januar” oder „Sonnabend/Sonntag ...”. Als ich das Kuno berichte, vermutet er: „Die Insel wollte sich eben das Meer nicht noch mehr zum Feind machen. Sicher hat auch der RIAS so gesprochen, damit die Ossis ihn hinter der Mauer überhaupt verstehen.” Ich wundere mich nur: „Aber heute noch?”

Am Alex treffe ich eine Woche drauf meinen Freund Eusebius, den Sprachästheten. Als ich auf meine Sonnabend-Komplexe zu sprechen komme, zieht er mich zum Zeitungsstand und – hosianna! – zeigt mir doch tatsächlich ein paar Zeitungen aus den alten Ländern, in deren Datumszeile „Sonnabend, 29. Januar” steht: die Braunschweiger Zeitung, die Hannoversche Allgemeine, die Neue Presse (Hannover), die Neue Osnabrücker Zeitung, das Hamburger Abendblatt.

Erleichtert berichte ich Kuno, was mir Eusebius erklärt hat: „Samstag/Sonnabend hat nichts mit der Ost-West-Teilung zu tun. Traditionell heißt es im Westen und Süden des deutschen Sprachraums Samstag, im Norden und Osten aber Sonnabend. Deshalb erscheinen die Zeitungen in Köln, Frankfurt, Stuttgart, München und Wien am Samstag, die in Erfurt, Berlin, Osnabrück, Hamburg und Kiel am Sonnabend. – Ich gehe also weiter am Sonnabend zu Hertha BSC.” Kuno versöhnlich: „Und ich am Samstag zum VfB Stuttgart. Aber wenn du im Stadion Hunger kriegst, iss bitte ein halbes Hähnchen!”

Ein Glück, dass es Eusebius gibt. Sonst hätten wir beide fast gedacht, dass am Sonnabend irgendwie die Ossis schuld sind.

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