Sprachstory des Monats
Januar 2000

Das verheiratete Ehepaar und die ledige Witwe





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Die Berliner Volksbank schreibt mir, der Sparerfreibetrag sei ab 1. 1. 2000 nur noch halb so hoch wie bisher, nämlich „für Ledige 3 000 DM, für Verheiratete 6 000 DM”.

Hei, denke ich, da habe ich Glück, denn in meiner Familie gibt es zwei Verheiratete: meine Frau und mich. Unser Freibetrag würde demnach zusammen 12 000 Mark betragen.
Irrtum, klärt mich später die Bankberaterin auf: Die 3 000 Mark gelten zwar für jeden Ledigen, die 6 000 Mark aber nicht für jeden Verheirateten, sondern immer nur für 2 (gemeinsam veranlagte und miteinander) Verheiratete. Aha. Was mir die Bank eigentlich sagen wollte, war also: „für Ehepaare 6 000 DM”.

Unsere Oma wiederum ist mit den Ledigen nicht klargekommen. „Habe ich als Witwe denn auch einen Freibetrag?”, fragt sie auf der Bank. „Ja, freilich”, sagt die Beraterin und zeigt im Faltblatt auf „für Ledige 3 000 DM”. Aber Oma ist nicht zufrieden: „Ich bin doch nicht ledig, ich bin verwitwet.” – Die Bank meint offenbar, man könne alle Nichtverheirateten (also auch die Nicht-mehr-Verheirateten) ledig nennen. Es gibt aber vier Arten von Familienstand: ledig, verheiratet, verwitwet, geschieden. Der Nichtverheiratete kann also ledig, geschieden oder verwitwet sein. Vielleicht haben ja manche Geschiedene nichts dagegen, als ledig bezeichnet zu werden. Die Verwitweten aber, allen voran unsere Oma, haben fast immer was dagegen. „Ich bin doch keine alte Jungfer”, sagt sie.

Für Ledige + Verwitwete + Geschiedene gibt es den Oberbegriff „Alleinstehende”. (Probe aufs Exempel: Eine alleinstehende Mutter kann eine ledige, eine geschiedene oder eine verwitwete Mutter sein.) Unsere agile Oma, noch immer am Bankschalter, kann schließlich klären: Der 3 000-Mark-Freibetrag gilt nicht nur für Ledige, sondern für alle Alleinstehenden.

Will die Bank also weder Ehestreit stiften noch unsere Oma verprellen, schreibt sie das nächste Mal besser: „für Alleinstehende 3 000 DM, für gemeinsam veranlagte Ehepaare 6 000 DM”. Und ist die Bank schon einmal beim Ändern, kann sie ja – mit Eichels Segen – auch gleich die DM-Zahlen wieder verdoppeln.

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