Sprachstory des Monats
Mai 2000

Rad oder Auto fahren?

(Die folgende Geschichte ist seit den ab 1. 8. 2006 gültigen Rechtschreibänderungen nur noch teilweise richtig geschrieben, denn eislaufen und kopfstehen schreibt man inzwischen wieder klein und zusammen. Neben Maß halten, Acht geben und Halt machen gibt es jetzt auch wieder die Schreibungen maßhalten, achtgeben und haltmachen.)





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

„Rad zu fahren ist doch etwas ganz anderes als Auto zu fahren”, sagt Kuno, als er Eusebius fürs Wochenende zu einer Radpartie überreden will. – „Vor ein paar Jahren war es etwas anderes”, widerspricht der Sprachästhet, „heute ist alles gleich.”

„Ob ich Rad oder Auto fahre, ist doch nicht das Gleiche”, entrüstet sich Kuno. – „Orthografisch schon”, sagt Eusebius. „Vor der Reform schrieb man radfahren, aber Auto fahren, heute schreibt man Rad fahren genau wie Auto fahren groß und auseinander.” – „Ach so, na ja”, sagt Kuno, „du siehst eben alles zuerst schreiblich und nicht sachlich.” – „Gehn wir mal sachlich zum Wintersport”, sagt Eusebius. „Heute darfst du Ski laufen genau wie Eis laufen. Früher hatte man auch schon Ski zu laufen, musste aber eislaufen.” – „Nur gut, dass das Durcheinander ein Ende hat”, findet auch Kuno. – „Es gibt aber noch mehr Leibesübungen mit neuer Orthografie”, sagt der Sprachästhet, „du musst jetzt Kopf stehen und Rad schlagen und Kegel schieben, immer Substantiv und Verb getrennt. Früher schrieb man kopfstehen, radschlagen und kegelschieben, alles klein und zusammen.” – „Nicht zu glauben, dass das nicht zum Schulstreik geführt hat”, sagt Kuno und setzt noch einmal an: „Aber Rad zu fahren ist doch etwas anderes als Auto zu fahren.” – „Die Unterschiede sind aber gering im Vergleich zum Bahnfahren”, sagt Eusebius. – „Zum Beispiel?”, will Kuno wissen. – „Ob Rad- oder Autofahrer: Wir müssen beim Alkohol Maß halten, müssen auf den Verkehr Acht geben und können fast überall, wo wir wollen, Halt machen. (Früher mussten wir übrigens maßhalten, achtgeben und haltmachen.)”

„Der große Unterschied ist aber: Wer Auto fährt, wird dadurch nicht zum Sportler. Wenn ich Rad fahre, ist das hingegen eine Leibesübung”, insistiert Kuno. – „Noch nichts von Motorsport gehört?”, fragt Eusebius. – „Auch wenn du Kopf stehst”, sagt Kuno, „Motorsport ist nichts als ein Wort. Genau wie der sogenannte Schachsport: Die Gelenke dieser ‚Sportler‘ knacken nach der Autofahrt oder nach dem Schachspiel genauso wie vorher.”

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