Sprachstory des Monats
März 2000

Gespräch in meinem Pub über den abwesenden Herrn Eusebius





  
  
  
  



  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  
  
  



  
  
  

Kuno bestellt noch zwei Bier. Er versucht, sich von seinen neuen Berliner Bekannten ein Bild zu machen. Gerade hat er mich gefragt, warum Eusebius noch nicht verheiratet ist. Der sei doch, wie Kuno sich ausdrückt, vom Alter her „nun wirklich überreif”.

„In den mehr als 16 Jahren, die ich ihn kenne”, erzähle ich, „hat er mir bestimmt schon 40 Die-oder-keine-Freundinnen vorgestellt. Es scheitert fast immer daran, dass er an Feministinnen gerät.” – „An Feministinnen?”, fragt Kuno fasziniert. „Wie stellt man das denn fest?”

Ich muss ein bisschen ausholen: „Eusebius als Sprachästhet hat ja viel in Zeitschriftenverlagen und in Werbeagenturen zu tun. Dort findet er auch immer seine Freundinnen, alle bildschön. Und die schreiben dann meist auch selber Artikel oder so, oder Werbetexte.” – „Das muss ja noch nicht falsch sein”, meint Kuno. – „Nein”, sage ich, „aber nach dem ersten Kuss geben sie Eusebius ihre Ergüsse zu lesen, weil sie von ihm gelobt werden wollen. Und der liest dann zum Beispiel: ‚In der Drogerie sollte frau sich nicht die erstbeste Bodylotion aufschwatzen lassen.’ Verstehst du, ‚frau’ kleingeschrieben.” – „Ja, ich versteh schon”, sagt Kuno. – „Eusebius fragt dann seine Theodosia, warum sie nicht schreibt:‚In der Drogerie sollte man sich nicht die erstbeste Bodylotion aufschwatzen lassen.’ Verstehst du: man, nicht frau.” – Kuno behauptet, dass er verstehe. Also mach ich weiter: „Theodosia erklärt ihrem Eusebius, das kleingeschriebene man zeige, dass die Männer alle Frauen unterdrücken wollen.” – „Wieso denn das, um Gotteswillen?”, erschrickt Kuno, und ich spüre, wie er vor sich einen unbekannten Abgrund ahnt.

Die Kellnerin bringt das Bier, während ich erkläre: „Theodosia oder Rosabella, ganz egal, belehrt ihn, das kleingeschriebene man bedeute sprachhistorisch der Mann, aber die heutigen Männer wollten die Frauen zwingen, unter man alle Männer  u n d  Frauen zu verstehen. Also zum Beispiel ‚Hier sieht man nichts’ solle bedeuten: ‚Hier sehen Männer und Frauen und Kinder nichts.’ ” – Kuno, etwas verunsichert, sagt: „Bedeutet es doch auch. ‚Hier sieht man nichts’ heißt ‚Hier sehen alle nichts.’ ” - „Ja, freilich”, sage ich, „aber Theodosia oder Malwine behaupten, die Männer hätten unter Gewaltanwendung festgelegt, dass, wo ‚man’ draufsteht, auch immer Frauen drin sein müssen.” – „Eine Art Arche Noah”, findet Kuno, „schön, so eng mit der Weiblichkeit zusammen.” – „Sieh dich vor”, sage ich, „für Feministinnen ist das ein unerträglicher Zwang. Sie wollen eine Arche nur für Frauen. Deshalb haben sie ja das kleingeschriebene frau erfunden. Wo bei ihnen ‚frau’ draufsteht, sind nämlich auch nur Frauen drin.” – Kuno wird nachdenklich: „Armer Eusebius. Ich kann mir denken, wie er da die Stacheln ausfährt.” – „Ja”, sage ich, „seine Wilhelminas machen den Ärmsten für 1 000 Jahre Sprachentwicklung verantwortlich, und wie mir Eusebius gesagt hat, steht ihre kleine frau noch immer in keinem deutschen Wörterbuch.” – „Wundert mich nicht”, meint Kuno, „das richtige Wort Frau klingt so schön warm. Aber bei ‚In der Drogerie sollte frau sich nichts aufschwatzen lassen’ klingt frau eher scheppernd nach selbstgebasteltem Roboter.” – „Da hast du recht”, sage ich, froh, dass mir Kuno auf der Geisterfahrt folgen konnte. „Es stimmt ja, die Männerwelt weist den Frauen tatsächlich bestimmte Rollen zu: Kochen, Wäschewaschen, Saubermachen, Schönheitspflege, Kindererziehung. Aber statt die Rollenverteilung zu bekämpfen, haben die Sprachfeministinnen nichts Eiligeres zu tun, als auf jedes dieser Gebiete den Stempel frau draufzudrücken. Ich an ihrer Stelle würde schreiben: ‚In der Drogerie sollte sich der Mann nicht die erstbeste Bodylotion aufschwatzen lassen.’ Das wäre kämpferisch, denn jeder versteht: Der lässt sich alles aufschwatzen, weil er sowieso keine Ahnung hat.”

Als wir das Bier endlich trinken, ist der Schaum schon zusammengefallen. „Aber die Freundinnen von Eusebius haben ihn ja nicht alle mit frau so wütend gemacht?”, vermutet Kuno. – „Nein”, sage ich, „Eusebius erzählt, es gibt welche, denen will das schöne Wort Kinder nicht aus der Feder fließen. Sie schreiben: Nachwuchs. Oder Sprösslinge. Und schon schwillt ihm der Kamm.” – „Armer Eusebius”, sagt Kuno noch einmal. – „Er kommt meist über den ersten Kuss nicht hinaus”, berichte ich. „ Ist das Strohfeuer aus, klingelt er dann bei mir und sagt: ‚Ich glaube, ich werde Maskulinist. Ich bau eine Männerarche.’ Und auf einen Zettel” – ich mache es auf einem Bierdeckel vor – „schreibt er: ‚Am besten bleibt mann allein.’

© www.korrektor030.de


Zurück zur Homepage